Zwei Kolleginnen, gleiches Team, gleicher Chef, gleiche Deadline. Die eine geht abends zum Sport und schläft wie ein Baby. Die andere liegt um drei Uhr nachts wach und schreibt im Kopf E-Mails. Ist die eine einfach härter im Nehmen? Nein. Sie hat nur ein anderes Fundament. Und genau das erklärt ein Modell aus der Psychologie, das erstaunlich entlastend ist.
Das Stress-Vulnerabilitätsmodell in zwei Minuten
Die Psychologen Joseph Zubin und Bonnie Spring haben 1977 ein Modell beschrieben, das bis heute zu den wichtigsten der Psychologie gehört. Die Grundidee: Ob ein Mensch unter Belastung krank wird, hängt von zwei Dingen ab. Erstens davon, wie viel Stress auf ihn einprasselt. Und zweitens davon, wie verletzlich er von vornherein ist, also von seiner Vulnerabilität oder Disposition.
Zu dieser Disposition gehören unsere Gene, unsere Persönlichkeit, unsere körperliche Gesundheit, frühere Erfahrungen und wie sicher wir als Kind gebunden waren. Kurz: alles, was wir in den Rucksack gepackt bekommen haben, bevor wir überhaupt den ersten Arbeitsvertrag unterschrieben haben.
Auf diese Grundlage kommen die Stressoren obendrauf. Und irgendwo liegt eine persönliche Schwelle. Solange die Belastung darunter bleibt, kommen wir klar. Wird sie überschritten, treten Symptome auf: Erschöpfung, Schlafprobleme, Grübeln und alles, was dazugehört.
Was dich umhaut, lässt andere kalt (und umgekehrt)
Das Spannende daran: Disposition und Schwelle sind bei jedem Menschen anders. Was die eine Person völlig aus der Bahn wirft, berührt eine andere kaum. Und das sagt nichts über Stärke, Disziplin oder Charakter aus. Niemand würde jemandem mit Heuschnupfen vorwerfen, im Mai zu niesen.
Dazu kommt: Die Disposition verändert sich im Laufe des Lebens. Was dich mit 25 nicht gejuckt hat, kann dich mit 40 umhauen, zum Beispiel nach einer Geburt, einer Trennung oder einer langen Krankheit. Wer also denkt „Früher hab ich das doch auch geschafft“, hat recht. Früher war aber eben früher.
Die gute Nachricht: An der Schwelle kann man schrauben
An unserer Disposition können wir wenig ändern. Die Gene hat man sich nicht ausgesucht, die Kindheit auch nicht. Aber die Schwelle, ab der Stress zu Symptomen führt, ist nicht in Stein gemeißelt. Sie lässt sich mit Ressourcen langfristig anheben. Und diese Widerstandskraft hat einen Namen: Resilienz.
Resilienz ist so etwas wie unser seelisches Immunsystem. Sie macht nicht unverwundbar, aber sie hilft, Krisen zu überstehen und manchmal sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Und das Beste: Sie ist keine feste Eigenschaft, mit der man geboren wird oder eben nicht. Sie ist trainierbar.
Sieben Säulen, an denen du arbeiten kannst
Die Psychologin Ursula Nuber beschreibt Resilienz anhand von sieben Säulen. Du musst nicht alle auf einmal stärken, schon eine macht einen Unterschied.
Optimismus heißt nicht, alles toll zu finden, sondern darauf zu vertrauen, dass schwierige Phasen vorbeigehen. Akzeptanz bedeutet, Energie nicht in Dinge zu stecken, die sich nicht ändern lassen. Mit Lösungsorientierung richtest du den Blick nach vorn, statt im Problem festzustecken. Die Opferrolle verlassen heißt, selbst aktiv zu werden, statt auf Rettung zu warten. Verantwortung übernehmen für das eigene Handeln und die eigene Gesundheit gehört genauso dazu wie Netzwerkorientierung: Unterstützung suchen und, ganz wichtig, auch annehmen. Und schließlich die Zukunftsplanung, also Ziele setzen und vorausschauend planen.
Fazit: Nicht schwächer, nur anders ausgestattet
Wenn es dich doller trifft als andere, bist du nicht schwächer. Du hast nur ein anderes Fundament. Das zu wissen, nimmt eine Menge Druck raus, bei dir selbst und im Umgang mit anderen. Und es zeigt, wo sich ansetzen lässt: nicht beim Zusammenreißen, sondern beim Stärken der eigenen Ressourcen.
In den Workshops von better works geht es genau darum: die eigene Resilienz zu verstehen und gezielt zu stärken, mit Übungen, die im Alltag funktionieren.
Quellen
- Zubin, J. & Spring, B. (1977): Vulnerability – a new view of schizophrenia. Journal of Abnormal Psychology, 86(2), 103–126.
- Welter-Enderlin, R. & Hildenbrand, B. (Hrsg.) (2006): Resilienz. Gedeihen trotz widriger Umstände. Heidelberg: Carl-Auer.
- Nuber, U.: Die sieben Säulen der Resilienz. Psychologie Heute.
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